Artikel, die mit ‘Reportage’ verschlagwortet sind:

1

Reportage: Ein Tag auf Schienen

Wie schon in meiner Vita angekündigt möchte ich meinen Blog nicht mehr nur aus Fotos bestehen lassen, sondern auch kleine journalistische Adern mit einfliessen lassen. Hier eine Reportage, die im Rahmen einer Deutschepoche entstanden ist.

Eine Reportage über Atmosphäre und Kontrolle - von Joscha Bongard

Montag, 6:53. Die Autos sind mit Raureif überzogen, die Luft kühl und feucht. Das Thermometer zeigt  -5°C. Haltestelle Christuskirche. Man hört die Bahn schon von weitem, dann endlich biegt sie um die Ecke. Es ist die 3 Richtung Ihrings-häuserstraße. Der Bahnfahrer grüßt. Sieben oder acht Leute sitzen verteilt in der Bahn, die schön warm ist. Es ist beinahe still, man hört nur die Geräusche des Motors und der Heizung.

Die Ansage „Nächste Haltestelle: Walther-Schücking-Platz!“ zerstört die monotone Geräusch-kulisse. Die Mitfahrenden sind zwischen 20 und 60 Jahren alt. Am Bahnhof steigen weitere Leute des gleichen Alters hinzu. Sie sind normal gekleidet. An der Murhardstraße sind es dann schon 20. Die Stille ist einem Gespräch zwischen zwei Männern gewichen. Smalltalk unter Arbeits-kollegen. Als sie aussteigen, spielt die Straßenbahn ihre Melodie weiter, das Quietschen der Räder, das Umschalten der Uhrzeiten in den Ticketentwertern. Am Rathaus kommt etwas Dynamik in die sonst sehr unbewegten Menschen. Zehn Leute verlassen die Bahn. Kalte Luft von außen schlägt mir ins Gesicht und lässt mich zittern. Ich bin froh, als die Türen sich wieder schließen und die Bahn weiterfährt. Am Königsplatz steige ich aus und treffe das erste Mal an diesem Morgen Schüler. Sie sind 9 oder 10 Jahre alt und rennen stürmisch in die Bahn hinein.

Ich steige in die 5 Richtung Baunatal. Sie ist voll mit Schülern. Aber auch ältere Menschen über 60 fahren mit. Die Kleidung der Schüler ist unterschiedlich. Bei den Jungen sind vor allem Baggie-Pants und Zipp-Hoodies zu sehen. Die Mädchen tragen Jeans oder Hotpants, meist mit schwarzen Jacken. Die Geräuschkulisse ist komplett verändert. Die Bahn ist ausgefüllt mit Konversationen der Jugendlichen. Kreischendes Mädchenlachen, Handymusik und lautstarke Unterhaltungen holen mich aus der monotonen Geräuschwelt.

Ich steige schon am Friedrichsplatz wieder aus und es wird wieder stiller. Die Sonne steigt langsam über den Horizont und hellt den klaren Morgen auf. Aus dem Schornstein des Alex kommt weißer Rauch. Die vorbeifahrenden Bahnen sind ebenfalls alle voll mit Jugendlichen. So auch die 6 Richtung Brückenhof, in welche ich einsteige. Auch hier das gleiche Bild wie in der 5 Richtung Baunatal. Ich bekomme einen Sitzplatz in der überfüllten Bahn. Am Schulzentrum Brückenhof steigen alle aus. Ich fahre in einer ruhigen und fast leeren 4 Richtung Papierfabrik zum Bahnhof Wilhelms-höhe. Es ist 8:11. Dass es ruhig und entspannt zugeht im morgendlichen Bahn- und Busverkehr, nachdem alle Schüler in der Schule sind, wird mir klar, als der Busfahrer vor einer roten Ampel die vordere Tür aufmacht, um ein kleines Gespräch mit dem Busfahrer des Busses neben der 41, in der ich mich nun befinde, zu führen.

Mit der Buslinie 41 fahre ich bis zum Kornblumenweg kurz vor Vellmar. Nach angenehmen Minuten in der wärmenden Sonne geht es mit dem Bus zurück in die Innenstadt. Auf den Straßen entsteht langsam reger Verkehr, was zur Folge hat, dass die Verspätung des Busses immer weiter anwächst. Hektische, ungeduldige Blicke der Fahrgäste Richtung Fahrer und ungeduldiges Fußwippen meines Sitznachbars symbolisieren die Rastlosigkeit  an einem Arbeitsmorgen. Am Königsplatz angekommen hat der Bus 20 Minuten Verspätung, ich steige aus und laufe auf den Königsplatz, wo ein, mit einem türkisen Jogginganzug bekleideter, offensichtlich betrunkener Mann eine Bierflasche auf den Boden schmeißt, woraufhin die Tauben erschrocken aufflattern. Die zügig laufenden Menschen beachten das Geschehen kaum, genauso, als er mitten auf den Königsplatz uriniert. Es ist 9:29.

Nach weiteren unspektakulären und ruhigen Fahrten mit den Bahnen 1, 3, 7 und 8, wo vornehmend alte Leute mitfuhren, komme ich an dem Verwaltungsgebäude der KVG an. Hier treffe ich ein Fahrscheinprüfteam, das aus drei Personen besteht. Anke K., seit 2 Jahren Fahrhscheinprüferin, Claudia V., die schon seit 9 Jahren dabei ist und Thorsten G., der durch die schlechten Arbeitsmarktverhältnisse vor 8 Jahren anfing als Fahrscheinprüfer zu arbeiten. Sie sind alle mehr oder weniger gezwungener Maßen in den Dienst der KVG getreten, beteuern aber ihren Job gerne auszuüben; er ist laut Thorsten G. „interessant und abwechslungsreich.“.

Nach kurzem Fußweg vom Verwaltungsgebäude kommen wir an der Haltestelle Rathaus/Fünffensterstraße an. Thorsten G. übernimmt die Führung, das übernimmt immer einer im Team, erklärt Anke K.. „Wir fahren mit der 7 zur Teichstraße und dann mit der 24 zum Wilhelmshöher Bahnhof.“, sagt Thorsten G. und fügt hinzu, „ich steige hinten ein.“ Claudia V. bleibt in der Mitte stehen, Anke K. geht nach vorne. „Wir steigen vorne, in der Mitte und hinten ein und laufen dann aufeinander zu.“, sagt Claudia V.. Als die Türen geschlossen werden, ertönt fast synchron der Spruch, den das Team wohl zusammen schon um die 100.000 mal ausgerufen hat:

„Fahrscheinkontrolle! Die Fahrscheine bitte!“

Man spürt wie die Stimmung in der Bahn schlagartig ruhiger wird und in manchen Gesichtern kann man förmlich eine gewisse Anspannung lesen.

Eine Frau steht auf. Sie will zum Fahrscheinautomaten laufen, um sich eine Fahrkarte zu kaufen. Doch auf dem Weg fängt sie Claudia V. freundlich ab. „Aber ich musste mich doch gerade mal kurz hinsetzen, um meine Geldbeutel aus der Tasche zu holen.“, sagt die Frau in jammerndem Ton. Eine nicht ungewöhnliche Aussage, sie steht auf der imaginären Liste der am meisten vorgebrachten Ausreden der Fahrgäste, erklärt das Fahrschein-prüfteam. Da die Frau schon mindestens eine Haltestelle vor Rathaus/Fünffensterstraße zugestiegen ist, muss sie das erhöhte Beförderungsentgelt (EBE) in Höhe von 40€ entrichten. Ich bekomme eine Konversation zweier unbeteiligter Fahrgäste mit, die zum Ausdruck bringt, dass sie es lieber gesehen hätten, wenn man die Frau sich eine Fahrkarte hätte kaufen lassen. Doch genau da liegt das Problem, meint Claudia V. „Die Leute verstehen nicht, dass sie die Schwarzfahrer mitfinanzieren. Wir versuchen da aufzuklären, aber die meisten sind sich des Ausmaßes dann immer noch nicht bewusst.“. Außer der Frau gibt es in dieser Bahn keine Schwarzfahrer mehr, eine Schülerin hat ihr Monatskarte nicht dabei. Sie wird aufgeschrieben, genau wie die Frau und hat die nächsten 14 Tage Zeit ihre Fahrkarte nach zu zeigen. Ein typischer Fall. Die Kontrolle ist nüchtern verlaufen, es gab keine Anfeindungen, keine bösen Wörter. Das ist normal. „Wir haben nur 1% Schwarzfahrer in Kassel, die uns Stress machen,“, erklärt Thorsten G., „und die können wir in allen Stadtvierteln an-treffen, da gibt es keine Unterschiede.“ Claudia fügt hinzu „verbal werden aber vor allem wir Frauen oft angegriffen“.

Wir kommen an der Teichstraße an, haben die 24 allerdings verpasst, weswegen wir in die 41 einsteigen, die Anke K., Claudia V. und Thorsten G. nicht kontrollieren dürfen, da sie im RKH-Netz fährt. Am Wilhelmshöher Bahnhof machen wir eine kurze Pause im Aufenthaltsraum für Bus-, BahnfahrerInnen und FahrscheinprüferInnen. Ein trister, dunkler Raum mit Kaffee- und Cola-Automat. Weiter geht es mit der 24 Richtung DEZ. Auch Kontrollen im Bus sind nicht untypisch, da manche es sich zum Sport gemacht haben, Fahrkarten zu fälschen oder sonstige Tricks anzuwenden, „das Problem ist nur: wir kennen diese Tricks auch alle.“, sagt Thorsten G. lachend.

An der Christuskirche steigen wir um in die 3 Richtung Druseltal hier wird lediglich eine Schülerin der Waldorfschule ohne Fahrschein festgestellt, sie hat ihre Tasche mit Portemonnaie und Monats-karte in der Schule liegen lassen, wo sie „momentan für ein Musical probt und nur kurz am Bahnhof war, um etwas zu kopieren.“ Da sie sich nicht ausweisen kann, wird sie von ihrer Freundin separiert und nach ihren Daten befragt, auch ihre Freundin wird befragt und die Daten abgeglichen. Die Daten stimmen und auch sie muss ihre Monatskarte auf der Geschäftsstelle der KVG nach zeigen.

Auf der weiteren Runde über Schulzentrum Brückenhof und wieder zurück zum Druseltal werden keine weiteren Leute ohne Fahrschein angetroffen. Das bestätigt die Aussage von Peter Schmidt, der die Fahrscheinprüfer der KVG koordiniert. „Schwarzfahrer treffen wir überall an. In finanziell besser gestellten Gebieten ist die Schwarz-fahrerquote genauso hoch, wie in finan-ziell schlechter gestellten Gebieten.“ Trotzdem gebe es einen Unterschied in den verschiedenen Stadtvierteln, meint Claudia V., in ihrer Anfangszeit habe sie sich in Gebieten wie z.B. der Holländischen-Straße nicht sehr wohl gefühlt, allerdings habe sich dies aber relativiert. Sie fügt hinzu, das es aber doch so sei, dass ihnen zu wenig Respekt entgegengebracht würde.

Nach einer Mittagspause in dem Verwaltungskomplex der KVG fahren wir mit der 5 Richtung Baunatal. Sie ist wie immer überfüllt und deswegen wird nur der vordere Teil kontrolliert, „wer hinten sitzt und keine Fahrkarte hat, hat diesmal Glück gehabt“, scherzt Thorsten G.. In dieser Bahn werden ein alkoholisierter Mann und eine Jugendliche ohne Fahrschein aufgeschrieben. Beide Fälle laufen ohne Komplikationen ab.

Als ich an der Leuschnerstraße mit dem Prüfteam das letzte Mal aussteige, haben sie erst vier Leute beim Schwarzfahren erwischt, die das EBE zahlen müssen. Darum geht es den Fahrscheinprüfern, momentan 16 Personen im KVG Dienst, nicht. Sie werden dem Gerücht entgegen nicht pro Schwarzfahrer bezahlt. „Kopfgeldjäger sind wir nicht!“, betont Anke K.

Ich verabschiede mich von dem Fahrscheinprüfteam. „Auf Wiedersehen!“, sagt Anke K., dann hoffentlich auch mit Fahrschein, denke ich mir und verlasse die Haltestelle.

Namen vom Autor geändert.

Verfasst am 14. Juni 2011 um 19:59 Uhr.
Eingeordnet in Journalismus.
Schlagworte dazu sind , , .
Copyright © 2010 Joscha Bongard, alle Rechte vorbehalten.